Artikel/Vorträge zum Stadtumbau - Frankfurter Allgemeine Zeitung 30.03.2009
Welterbe verpflichtet (Eisleben)

Das Haus Markt 33 in der Altstadt von Eisleben erscheint auf den ersten Blick unspektakulär. Das kürzlich sanierte Bürgerhaus präsentiert sich mit schlichten Fassaden, im Erdgeschoss lädt das CafeĀ“ "Liebevoll" zu Kaffee und Kuchen ein. Dennoch ist mit diesem Haus eine dramatische Geschichte von Verfall und Rettung verbunden, die zu einem Hoffnungsschimmer für die gesamte Altstadt werden könnte.

Am Beginn dieser Sanierungsgeschichte stand eine fast schon aussichtslose Situation. Denn noch vor wenigen Jahren schien ein Verfall und Abriss des 1714 erbauten Bürgerhauses unvermeidlich zu sein. Der Hintergrund der Probleme war die tiefe Krise, mit der Eisleben nach 1990 zu kämpfen hatte. Die UNESCO-Welterbestadt, die nicht nur über das Geburts- und Sterbehaus Martin Luthers, sondern auch über eine wertvolle Altstadt mit Bürgerhäusern aus der Renaissance- und Barockzeit verfügt, musste nach 1990 den Zusammenbruch fast aller wichtigen Arbeitgeber verkraften. Die Folgen waren ein Anstieg der Arbeitslosenquote auf fast 30 Prozent, ein Bevölkerungsrückgang um mehr als 20 Prozent und ein Anstieg des Wohnungsleerstandes. Besonders getroffen wurde die Altstadt, die mit schwierigen Eigentümerstrukturen zu kämpfen hatte. Denn hier gehörten viele Häuser auswärtigen Eigentümern, die ihre Häuser zu Steuersparzwecken oder aus Gewinninteresse gekauft hatten. Doch die Altbauten in Eisleben sind alles andere als Gewinn bringend. Viele von ihnen erfordern horrende Sanierungskosten von mehr als 2000 Euro pro Quadratmeter Nutzfläche. Die sanierten Wohnungen lassen sich dann entweder überhaupt nicht oder nur zu Quadratmetermieten von durchschnittlich vier Euro vermieten. Derartige Altbausanierungen sind selbst bei einer Nutzung von Fördermitteln nicht rentabel.

Die Konsequenzen dieser Rahmenbedingungen waren baukulturelle Tragödien. Viele Eigentümer gaben jede Verantwortung für ihre unrentablen Baudenkmäler auf und überließen sie einfach dem Verfall. Das Neustädter Rathaus etwa, ein Renaissancebau von 1589, wurde von einer österreichisch-französischen Eigentümergemeinschaft über Jahre hinweg vernachlässigt. Das Vikariat, ein wertvoller Bau aus dem 16. Jahrhundert, geriet in den Besitz von zwei Münchner Eigentümern. Diese belasteten das Gebäude mit einer horrenden Grundschuld und überantworteten es solange dem Verfall, bis der Einsturz das Schicksal des Gebäudes besiegelte. Ein Bürgerhaus aus der Zeit um 1600 am Markt wiederum wurde von einem niedersächsischen Eigentümer zuerst dem Niedergang preisgegeben und anschließend abgerissen. Nicht besser erging es Handwerkerhäusern aus der Zeit um 1700 in der Lutherstraße. Auch sie mussten den Abrissbaggern weichen.

Ein ähnliches Schicksal drohte vor zwei Jahren auch dem Haus Markt 33. Das städtebaulich wichtige Baudenkmal diente bis Anfang der neunziger Jahre als Wohn- und Geschäftshaus. Doch anschließend geriet auch dieses Gebäude in den Besitz eines auswärtigen Eigentümers und wurde dem Verfall überlassen. Durch das undichte Dach tröpfelte der Regen, der Dachstuhl und die Fachwerkkonstruktion wurden durch Schwamm und Ungeziefer geschädigt. Bald schien der Abriss oder der Einsturz nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Die Rettung kam erst, als der Eigentümer Insolvenz anmelden musste. Diese Gelegenheit nutzte die städtische Wohnungsbaugesellschaft Lutherstadt Eisleben, um das Gebäude zu erwerben. Bereits wenige Wochen nach dem Kauf im Frühjahr 2007 konnte die Sanierung beginnen. Unter der Leitung des Sangerhäuser Büros Bauprojekt K. Schmidt wurden die geschädigten Holzkonstruktionen erneuert und die Fassaden instandgesetzt. Eine besondere Aufmerksamkeit erfuhren die Innenräume. Die Gewölbedecken im Erdgeschoss wurden sorgfältig saniert, und in einer Wohnung konnte eine bisher umbaute dekorative Säule freigelegt werden. Zugleich scheuten die Planer auch vor Veränderungen nicht zurück. An der Hofseite etwa wurden im Interesse einer höheren Wohnqualität Balkone und Terrassen angebaut. Am Ende konnten vier Wohnungen und ein CafeĀ“ geschaffen werden.

Natürlich konnte auch die Wohnungsbaugesellschaft die Sanierung nicht rentabel gestalten. Die Baukosten betrugen stolze 2600 Euro pro Quadratmeter Nutzfläche. Vermietet werden konnten bisher nur zwei der vier Wohnungen. Folgerichtig erwirtschaftet das Gebäude ein enormes Defizit. Umso bewundernswerter ist es, dass die Wohnungsbaugesellschaft trotzdem versucht, wenigstens einen Teil der Eisleber Baudenkmäler zu retten. Ein ehemaliges Stiftsgebäude von 1568 wurde in den letzten Jahren ebenso saniert wie ein Barockhaus am Markt. In Planung ist die Erneuerung von Ackerbürgerhöfen aus der Renaissancezeit in der Petristraße. Natürlich können die Sanierungsmaßnahmen nicht die wirtschaftlichen und demografischen Probleme der Stadt lösen. Aber ohne sie wäre ein Überleben der Stadt kaum vorstellbar.

Allerdings stoßen die Eisleber Stadtsanierer auch immer wieder an Grenzen. Denn in Eisleben gibt es zahlreiche gefährdete Baudenkmäler, bei denen kein Insolvenzverfahren absehbar ist und die deshalb nicht so einfach von der Wohnungsbaugesellschaft erworben werden können. Für diese Sorgenkinder ist noch kein Lösung in Sicht.

Matthias Grünzig